In Love With a Donkey - Eine Eselwanderung in Wicklow

“Von wegen nix als Schafe – Marie und Moritz unterwegs in Irland” - Episode 6

„Mit Eseln wandern? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, Marie?!“ Der Moritz, der gestern am Muckross Lake vor ihr niederkniete und um ihre Hand angehalten hatte, schaute sie jetzt an, als sei sie ein fremdartiges Insekt. „Wir haben Bertie gesucht.
Ich bremse an jeder Weide, damit du auch das tausendste Schaf fotografieren kannst. Aber bei aller Liebe. Jetzt wird’s mir langsam zu bunt mit deiner Tierliebe, mein Schatz.“

Nach seinem Heiratsantrag war Moritz im Moment eher im Romantikmodus und ihm fielen hundert Dinge ein, die er gern mit Marie unternommen hätte. Wandern mit einem Esel als Begleiter gehörte allerdings nicht dazu. Und für diese eselsgraue Idee mussten sie auch noch durchs halbe Land fahren. Fast 300 Kilometer waren es vom Killarney National Park bis in die Grafschaft Wicklow an der Ostküste.

Irland-Fan Moritz hatte ein Gedächtnis wie ein Reiseführer. Er hatte alle Grafschaften der Insel als bunte Karte abgespeichert: Wicklow galt mit seinen üppig blühenden Gärten, seinen von violett blühender Heide überzogen Berghängen als Garten Irlands. Und er wusste auch: In der gleich südlich von Dublin beginnenden dramatischen Landschaft, zwischen Flüssen, Seen, verlassenen Dörfern und Ruinen wurden Filme wie Braveheart und „P.S. Ich liebe dich“ gedreht. Aber von Eselwanderungen hatte er bislang nichts gelesen.

„Ich habe ja versucht, die Esel an den Anfang oder das Ende unserer Reise zu legen“, erklärte Marie, während Moritz das Navi programmierte. „Aber Donkey-Walking scheint im Moment der Renner zu sein. Ich war froh, dass ich überhaupt noch zwei Esel für uns ergattern konnte.“ Apropos „P.S. ich liebe dich“, dachte Moritz und entschied, weitere Kommentare zu diesem Esel-Wahnsinn für sich zu behalten. Dann startete er den Motor.


„Esel sind total typisch für Irland“, sagte Marie nach einer Weile. „Naja, zumindest waren sie es mal. Und das ist noch gar nicht so lange her. Da sah man sie überall auf den Feldern und Straßen. Für die armen Bauern waren Eselskarren das Transportmittel. Auch um das Torf vom Moor auf die Höfe zu bringen. Leider braucht heutzutage kein Mensch mehr Esel. Die wären fast ausgestorben auf der Insel.“

Marie machte eine längere Pause. Dann fügte sie mit Nachdruck und etwas Trotz hinzu: „Ich finde es cool, dass die Clissmann-Familie nicht nur Fahrten mit Pferd und Wagen anbietet. Back to the roots sozusagen.“ Marie brabbelte vor Aufregung wie aufgezogen und vermittelte Moritz auf der Fahrt nach Wicklow nahezu ihr gesamtes Eselwissen. „Vor ein paar Jahren wurde ein irischer Esel aus einem überfluteten Feld gerettet. Die Bilder gingen um die Welt!“ Und bescherten den beiden jetzt fast einen weiteren Unfall, weil Marie auf einer schmalen kurvigen Landstraße Moritz das Foto mit dem geretteten grinsenden Esel vor die Nase hielt. Zum Glück kam ihnen keiner entgegen.

Fünf Stunden später erreichten die beiden das Naturreservat Cronybyrne. Hier lebten auf der Clissmann-Farm, umgeben von Wäldern und Wiesen, ihre beiden zukünftigen Wandergefährten. Zusammen mit einigen Langohr-Kollegen und einem Dutzend Pferden, die Gäste in bunt leuchtenden Zigeunerwagen durchs Land ziehen. Als sie den Wagen auf dem Hof parkten, entdeckte Moritz zu seinem Ärger wieder einen dunklen Fleck unter dem Auto. Was hatte der in der Werkstatt gesagt? Nur ein kleines Loch in der Ölwanne? Schnell repariert? Vermutlich hatte der Mechaniker am Abend ein Guinness zu viel gehabt, oder wie konnte es sein, dass der Wagen schon wieder Öl verlor?

„Genau der richtige Moment, um auf zwei ES umzusteigen“, neckte Marie ihn vergnügt. „ES?“ Moritz guckte sie fragend an. „Eselstärken natürlich“, erklärte sie lachend. Sie freute sich so sehr auf den Donkey-Walk, dass selbst das kaputte Auto ihr nicht die gute Laune verderben konnte. „Außerdem habe ich an der Kreuzung im Dorf eine Werkstatt gesehen. Während unserer vier Wandertage können die bestimmt easy die Ölwanne austauschen.“

„Klar, kann der alte Nathan das reparieren. Herzlich Willkommen auf unserer Farm.“  Mit ihren roten Haaren, grünen Augen und Hunderten von Sommersprossen, sah die junge Frau in Gummistiefeln und Karohemd aus, als sei sie einer Werbung für Irische Butter entsprungen. „Ich heiße Muira. Wenn wir fertig sind mit unserer Esel-Aufklärungs- und Proberunde, rufe ich ihn gleich an für euch. Aber jetzt geht’s erstmal auf die Wiese Sir Henri und Séamus warten schon auf euch!“

Da standen die beiden Zotteltiere. Séamus erinnerte mit dem langen strubbeligen Fell mehr an einen Bären, als an einen Esel, Sir Henri dagegen trug das Fell kurz und im klassischen grau. Neugierig schauten sie die Besucher mit ihren weiß umrandeten Augen an. „Oh mein Gott, sind die süß“, rief Marie begeistert, liebkoste und umarmte ihre kleine zottelige Eselstute, während Moritz seinen Wanderkumpel nur mit einem zurückhaltenden Klopfer auf den Hals begrüßte. Dann streifte Muira den beiden Eseln ein Halfter über und drückte Marie und Moritz die Führstricke in die Hand.

„Für die Wanderung mit einem Packesel braucht ihr keinerlei Erfahrung. Die beiden sind das Wandern gewohnt. Esel fühlen sich in menschlicher Gesellschaft wohl und sie sind auch keineswegs so störrisch, wie ihnen allgemein nachgesagt wird. Außer dem Dickkopf da drüben vielleicht.“ Schmunzelnd zeigte Muira auf einen weiß-braun gescheckten Esel, der gerade genüsslich sein Hinterteil an einem Baum schubberte. „Unser Dylan ist wirklich nur etwas für erfahrene Eselführer.“ Auf dem halbstündigen Testspaziergang über den Hof erklärte Muira den beiden alles über Pflege, Fütterung und den Umgang mit den Tieren. „Das Wichtigste ist die Bereitschaft, sich auf das Esel-Wesen einzulassen. Und es braucht ein gesundes Durchsetzungsvermögen.“ 

 

Gleich am nächsten Morgen stellte Moritz schnell fest, wovon Muira gesprochen hatte. Die beiden hatten die Nacht in einem kleinen Bed & Breakfast im Örtchen Rathdrum verbracht. Nachdem sie am Morgen ihr Auto in Nathans Werkstatt zur Reparatur abgegeben hatten, ging es los. Sie verstauten ein paar Klamotten zum Wechseln in den Satteltaschen. Dazu Putzzeug und Leckerlis – beides für die Esel! –
sowie eine Landkarte und eine 24-Stunden-Muira-Esel-Notrufummer.

Mit Staunen hatte Moritz zur Kenntnis genommen, wie Marie, die sonst für jeden Wochenendtrip einen riesigen Koffer packte, ohne Murren ihre wenigen Klamotten in die Taschen verstaute. Als könnte sie seine Gedanken lesen, stellte sie sofort klar: „Das ist ja genau das Erlebnis: Wir wollen uns auf das Notwendigste beschränken. Uns auf die Natur und die Tiere konzentrieren. Entschleunigen und mal das Tempo rausnehmen aus unserem Leben. So eine Art Meditation mit Esel.“

„Komm, hopp-hopp, let´s go!” Séamus ließ seine riesigen Ohren kreisen, lauscht aufmerksam auf das Kommando von Moritz und schaute ihn freundlich an. Moritz zerrte am Strick, versuchte Séamus mit einer Mohrrübe zum Gehen zu bewegen, streichelte ihm die weiche Nase, haute ihm energisch mit der Hand aufs Hinterteil – alles umsonst.

Der störrische Esel stand wie festgetackert vor dem Stall und bewegte sich keinen Zentimeter. Es war wie im echten Leben: Natürlich hatten die beiden Zottel-Geschwister sich in Gegenwart von „Esel-Mutter-Muira“ auf der gestrigen Proberunde hervorragend benommen. Kaum jedoch war die Chefin aus den Augen,  sah es ganz anders aus. Und es schien, als ob Moritz‘ Eselhengst vor dem Start erst einmal einen kleinen Machtkampf ausfechten wollte.

Sir Henri hingegen folgte Marie gehorsam. Offensichtlich schien seine Freundin ein besseres Händchen für Esel zu haben als er. Die beiden hatten bereits den Hof überquert. Und nun saß Marie lässig auf dem Holzgatter, hielt Sir Henri an einem Strick und beobachtete amüsiert, wie Moritz mit seinem Esel kämpfte.

„Ein Esel ist eben kein Leihwagen.“ Aus dem Nichts war Muira aufgetaucht. Sie lachte und eilte Moritz zu Hilfe. Sie schnappte sich das Seil, schnalzte einmal aufmunternd und siehe da, als hätte man den Zündschlüssel in einem Geländewagen umgedreht, setzte sich Séamus geradezu freudig und mit flottem Schritt in Bewegung. „Verräter“, flüsterte Moritz ihm ins Ohr. Aber Séamus zuckte nur leicht mit den wuscheligen Lauschern und ignorierte die Beleidigung. Nach ein paar Schritten übergab Muira das Seil wieder an Moritz. „Good luck – and have fun“, rief sie den beiden noch zu – dann verschwand sie endgültig in Richtung Farmhaus.

Das mit dem Temporausnehmen klappte jedenfalls sofort. Séamus folgte Moritz zwar brav, aber nur die ersten 200 Meter. Dann machte er ohne Vorwarnung eine Vollbremsung, zog mit einem energischen Ruck am Strick und versenkte seine Nase tief im verführerisch duftenden Gras am Straßenrand. Zeit für eine kleine grüne Pause. Jetzt verstand Moritz, warum die Tagesetappen mit zehn Kilometern angesetzt waren. Eine Strecke, die er sonst mit links in einer Stunde vor dem Frühstück joggte.

Ein paar Stunden später hatte Moritz jegliche Gedanken an seine Jogging-Rekorde bereits vergessen. Die Langohren bestimmten das Tempo und den Wanderrhythmus: Zeit zum Laufen, Zeit zum Grasen, Zeit für ein Fußbad im Bach, Zeit für ein paar Motivations-Mohrrüben. Marie hatte recht. Eselwandern war wie Meditation im Gehen plus eine Portion Eselentspannung extra.

„Donkeys! Donkeys!“, riefen zwei kleine Mädchen, die aus einem Haus auf die Straße gelaufen kamen. Begeistert klatschten sie in die Hände. Vorbei an grün leuchtenden Wiesen, Mohnblumen und Palmen marschierten Marie und Moritz gemächlich durch die Hügellandschaft. Blühende Fuchsien hingen in verschwenderischer Fülle über den Steinmauern der einsamen Höfe, immer wieder liefen aufgeregt bellende Hof-Hunde ein paar Schritte mit und einmal überholte sie ein Paar in einem Pferdewagen.

Am Nachmittag breitete Marie am Wegesrand vor einem Gatter eine Tischdecke aus, holte Brot und Käse, Kekse und ein paar Leckerlis für die Esel aus den Satteltaschen. Auf der Weide graste eine Herde schwarz glänzender Rinder. Als Moritz die Esel am Zaun anband, hoben sie synchron ihre Köpfe und beobachten die Eselwanderer aufmerksam, ein paar von ihnen näherten sich sogar neugierig. Marie zückte begeistert ihren Fotoapparat. „Das sind Angus-Rinder“, erklärte Moritz. „Mag ich am liebsten „well-done“, fügte er neckend hinzu. Prompt strafte ihn Maries entsetzter Blick.

Auch wenn seine tierliebe Marie sich überwiegend vegetarisch ernährte, ab und zu hatte Moritz eben doch gern ein Steak auf dem Teller. Vor allem hier in Irland!  Und nicht nur Moritz wusste die Delikatesse zu schätzen. „Irish Beef“ war weit über die Klippen der Insel hinaus bekannt. Das Geheimnis der Qualität lag vor allem am Klima und der artgerechten Haltung, denn die Rinder lebten fast rund ums Jahr auf der Weide, durften sich frei bewegen und das herrlich saftige Gras genießen.

Satt und ausgeruht brachen sie wenig später auf. Es waren noch einige Kilometer bis das Tagesziel erreicht war und man wusste ja nie, wie die Esel gelaunt waren. Am frühen Abend erreichen Moritz und Marie samt zotteligem Anhang Laragh. Ein winziges Örtchen an einer Straßenkreuzung in den Wicklow Mountains. Größte Sehenswürdigkeit: die Klostersiedlung Glendalough mit ihrem für die alte irischen Klöster typischen schlanken Rundturm.

Immerhin gab es ein Hotel. Ein besonders gemütliches sogar: das „Lynhams of Laragh“. Hier hatte Muira ein Zimmer für sie reserviert. Die Esel übernachteten auf der Weide gegenüber. Moritz befreite beide Esel von der Satteltasche, Marie kratzte ihnen die Hufe aus. Dann entließen sie ihre Wandergefährten mit einem liebevollen Klapps auf den Po in den Feierabend.
Fast wäre Marie schon nach der warmen Dusche ins Bett gefallen, aber der Hunger war stärker und zog sie in den gemütlichen Hotel-Pub. Moritz ignorierte Maries Blick und bestellte ein „Center Cut Prime Irish Fillet“. Marie wählte eine Gemüselasagne. Dazu genossen die beiden am offenen Feuer Guinness vom Fass. „Was für ein Tag!“, sagte Moritz und prostete Marie zu. Dann fügte er lachend hinzu: „Und ich alter Esel habe mich so gegen Donkey-Walking gesträubt.“ Marie nahm ihn in den Arm und gab ihm einen dicken Kuss. „Manchmal muss man eben zu seinem Glück gezwungen werden.“
„Wir müssen noch den Eseln Gute Nacht sagen“, protestierte sie kurz darauf, als Moritz nach dem Essen, satt und mit schon halb geschlossenen Augen ins Zimmer verschwinden wollte. In der Dunkelheit schlenderten sie über die Straße und zur Weide. Dicht aneinander lagen Séamus und Sir Henri am Bach unter einem Baum.  Marie setzte sich neben ihren Esel und kuschelte sich an ihn. Es hätte nicht viel gefehlt, dass sie gleich an Sir Henris Hals eingeschlafen wäre.