Tee-Time statt Tea-Time:

Auf ihren Greens überrascht die grüne Insel selbst Irland-Kenner

Spielt jemand Golf? Ein bisschen? Schon mal ´ne Runde in Irland gespielt?
Muss man unbedingt mal probiert haben. Irlands Golfplätze sind längst nicht alle so elitär (und schwer) wie die des Royal Portrush Golf Clubs, wo in diesem Juli die traditionsreichen The Open ausgetragen werden. Im Gegenteil: Fast überall kann man für wenig Geld tolle Anlagen bespielen, ohne Wochen im voraus eine Tee-Time buchen zu müssen. Und hektisch wird es nirgendwo. Was auch daran liegt, dass man den Platz oft für sich allein hat. Es gibt nämlich sehr viele.

Nehmen wir doch einfach mal den da vorne, irgendwo muss man ja anfangen, dann kann man das auch gleich auf einem Platz machen, der absolut typisch ist. Auch, was das Wetter angeht. Am ersten Abschlag des Murvagh Golf Course im County Donegal im Nordwesten der Insel bläst an diesem Morgen nämlich ein derart kalter Wind, dass jedwede restalkoholische Überbleibsel augenblicklich in alle Himmelsrichtungen verweht werden. Überhaupt ist das ein Tag mit einer Optik wie aus den Instagram-Top-Ten, inklusive laut kreischender Möwen und einem Hauch von Seetang in der Luft. Und der Murvagh Golf Course ist ein Links-Platz wie viele auf der Insel: windzerzaust, hügelig und mit unberechenbaren Greens. Für alle, die ihren Ball nicht schnurstracks geradeaus schlagen können und im Rough landen, hält er ähnliche Demütigungen bereit wie die Battle of the Boyne 1690: Damals sind die irischen Truppen ebenfalls am matschigen Gelände gescheitert.

Die ersten fünf Fairways ducken sich in einer sanft gewellten Hügellandschaft vor den Böen des Atlantiks, aber dann steht man am Abschlag der #6 und muss erst einmal schlucken, weil sich da plötzlich ein Postkarten-Irland vor einem auftut, samt kleiner weiß verputzter Häuser und noch kleinerer weißer Tupfer, die man wegen der Entfernung aber nicht blöken hört. Und das Meer ist zu sehen, ganz nah, aber auch eine dunkle Wolkenwand am Himmel darüber. Leider ebenfalls ganz nah.

Wenn das Wetter einigermaßen mitspielt, kann man im sommerlichen Irland übrigens auch locker zwei Runden pro Tag unterbringen, plus ausgedehnte Mittagspause – es ist um 5 Uhr morgens hell und um 22 Uhr noch immer. Und da es überall im Land Plätze gibt, bekommt man auch dann einiges zusammen, wenn man nur ein paar Tage unterwegs ist. Oder nur ab und an eine Runde spielen möchte. Zum Beispiel auf dem Platz des Narin & Portnoo Golf Clubs, ebenfalls in Donegal.

Der liegt da, wo Irland zu Ende ist, zumindest das Irland der asphaltierten Straßen und der Mobilfunknetze. Und er ist so, wie Golf früher einmal überall war, bevor Clubsekretärinnen mit der Grandezza beleidigter Hofdamen und 75-jährige Männer in roséviolettfarbenen Karopullundern fast überall das Regiment übernommen haben. Keine Tee-Time reserviert? Kein Problem, spielt einfach los! Und kommt doch nach der Runde noch auf eine Portion Fish&Chips vorbei, unser Greenkeeper war heute früh schon mit der Angel draußen.

Draußen bläst ein Wind die Wolken auseinander, die Wellen klatschen gegen die Küste, und für einen Augenblick glitzert der Strand weiter vorne wie Sternenstaub. Die Fairways dagegen sehen aus, als hätte eine Legion unterirdisch ackernder Kobolde sie mit ihren Fäusten nach oben ausgebeult. Kein Grün ist auch nur halbwegs eben. Nach drei Löchern fehlen einem vier Bälle, aber das spielt überhaupt keine Rolle. Weil man das Meer riechen kann, wenn man tief einatmet, das Meer und den Tang und den Rauch eines Torffeuers irgendwo weiter weg. Weil man sich dabei ertappt, wie man leise vor sich hinsingt. Weil sich die Bälle in einen Himmel schrauben, der endlos erscheint. Weil man wieder einmal denkt, dass dieses Irland wohl so ziemlich das Beste ist, was man als Land werden kann. Auch für Golfspieler.

Abends stieg manchmal Feuchtigkeit aus dem Wald auf der anderen Seeseite empor, und ein Dunstschleier legte sich wie fein gewirkte Gaze über die Fairways vor dem Restaurantfenster. Die Gäste saßen bei gegrilltem Lachs oder zarten Lamm-Karrees, aber je stärker der Zauber über dem Platz wurde, desto häufiger hielten sie inne. Legten das Besteck auf die Teller. Entschuldigten sich. Packten Handy oder Digitalkamera aus Jackett- oder Handtaschen und gingen hinaus, um festzuhalten, was sich nicht festhalten lässt. Über Fairways und Greens strich ein leichter Wind, streichelte das Laub in den Erlen und die Fahne an der #18. Später legte sich eine alles umfassende Ruhe über das Land, als wolle sie es weich verpacken, um es sicher durch die Nacht zu bringen. Am nächsten Morgen würden sich die Gäste beim Frühstück erzählen, dass sie in der Stille der Nacht aufgewacht seien, weil ein Schwan im Wasser vor dem Fenster sein Gefieder geplustert habe.

Möglicherweise war es genau solch eine Stimmung, die Nick Faldo vor ein paar Jahren in den Bann geschlagen hat. Damals gab es das Restaurant noch nicht und auch nicht die Zimmer mit Blick auf den See, und wo im Juli der Lough Erne Faldo Championship Course eröffnete, erstreckten sich Wälder und Felder. Es gab kein Clubhouse und noch nicht einmal eine Zufahrtstraße, aber einen Mann mit einer Vision: Der Unternehmer Jim Treacy wollte auf dem vorwitzig ins Wasser schauenden Land zwischen dem Castle Hume Lake und dem Lough Erne nicht bloß ein Resort bauen, sondern auch den schönsten Golfplatz der Region. Und er wollte Faldo als Architekten, unbedingt. Es heißt, ein kurzer Flug über die mit Inseln gesprenkelte Seenlandschaft habe genügt, um Faldo zu überzeugen.

Fünf Jahre später kann man im Lough Erne Golf Resort im nordirischen County Fermanagh auf einem Platz abschlagen, der die Magie der Region wie unter einem Reagenzglas bündelt: Auf jedem der 18 Fairways hat man den Eindruck, mitten in einen "Best of Ireland"-Fotoband hineinzulaufen. Faldos Anlage gehört zu jenen Plätzen, auf denen einem als Spieler kalte Schauer über den Rücken huschen - und zufällig vorbeikommende Spaziergänger plötzlich den dringenden Wunsch verspüren, Golf spielen lernen zu müssen. Die Panoramen? Ein leichter Kick in die Kniekehle. Die Fairways? Wahrscheinlich müsste man sehr lange auf den Knien herumrobben, um ein artfremdes Hälmchen aufzuspüren. Und bevor jemand fragt: Ein Signature Hole gibt es nicht, jedes einzelne Loch auf diesem spektakulären Platz ist ein kleines Meisterstück für sich, geschaffen aus den Vorlagen der kapriziösen Natur und der helfenden Hand der Designer. Die #7 zum Beispiel, deren Fairway sanft abfällt Richtung Klippen und Wasser. Oder das Schlusstrio 16, 17 und 18, die sich wie ein endlos langes grünes Seidenband um den Lake Castle Hume schmiegen. Das letzte Green liegt dann unmittelbar vor dem Eingang des Resort-Spas. In dem kann man sich anschließend die Verspannung aus den Schultern massieren lassen. Und darüber sinnieren, dass dieses Irland tatsächlich noch immer Überraschungen bietet. 

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