Ein Full Irish und ein ganzes Leben

In Irlands Bed&Breakfasts wird man nicht bloß rührend umsorgt, sondern lernt Land und Leute kennen, heißt es immer. Stimmt, sagt unser Autor. Und manche Aufenthalte vergisst man ein Leben lang nicht mehr.

Ich kann mich noch gut an mein erstes Mal erinnern: Ich war zwanzig und hatte keine Ahnung. Ich war das erste Mal in Irland, vorher auch nicht unbedingt weit herum gekommen, und was ein Bed&Breakfast war, wusste ich nur aus meinem Reiseführer. Die Älteren unter den Lesern werden sich erinnern: Das waren damals, in der Prä-Internet-Ära, die wichtigsten Informationsquellen, wenn man in einem fremden Land unterwegs war. Meiner war gebraucht, völlig zerlesen und offenbar aus einem Verlag, der eine infantile Vorliebe für kleine Strichmännchenzeichnungen und krakelige Schrifttypen hatte. Das Buch sah aus, als sei es unter Zuhilfenahme mehrerer Fässer Whiskey nachts am Küchentisch in einer Kommune zusammen gefrickelt worden. Was es wahrscheinlich auch war. Jedenfalls empfahl der Reiseführer, man müsse in Irland unbedingt in diesen Bed&Breakfasts übernachten. Nur so käme man den Iren näher. Nur so könne man die Seele des Landes begreifen.

 

Die ersten Tage ignorierte ich diese Empfehlung. Es war Sommer, es waren die Achtziger, es war Irland! Ich schlief im Mietwagen oder überhaupt nicht, einmal am Strand und einmal an einem Lagerfeuer, an dessen verkohlten Resten ich morgens mutterseelenallein aufwachte, obwohl abends noch eine Truppe Engländer da gewesen war, die Schmählieder auf Mrs. Thatcher gesungen hatte. Irgendwann aber schlug das Wetter um, es wurde empfindlich kühl, und als ich abends irgendwo im Nirgendwo ein kleines B&B-Schild am Straßenrand sah, bin ich dem nachgefahren.

Das kleine Cottage stand zwischen den Hügeln, als habe ein Maler es dorthin drapiert, ach, ist mir zu viel Grün, da muss irgendwo noch was Weißes hin, so in der Art. Die B&B-Besitzerin sah aus wie meine Oma in alt. In richtig alt. Ihren Namen habe ich längst vergessen, nennen wir sie O’Lunney, der Einfachheit halber. Mrs. O’Lunney ging am Stock, bestand aber darauf, vor mir die steile Treppe hinauf zu steigen, um mir mein Zimmer zu zeigen. Anschließend kraxelte sie wieder hinunter, weil sie Tee für uns machen wollte, „Barry’s“, die Sorte gibt es heute noch, glaube ich. Während wir ihn tranken, erzählte sie mir ihr Leben. Zumindest vermute ich das. Mrs. O’Lunney hatte einen derart ausgeprägten Akzent, dass ich nicht wirklich viel verstand. Immerhin bekam ich heraus, dass ich der erste Gast war. Nicht für die Woche. Für die komplette Saison.

 

Am nächsten Morgen war Mrs. O’Lunney in aller Herrgottsfrühe auf den Beinen, um mir mein Frühstück zu machen. „You’ll need a Full Irish“, meinte sie, während sie Berge von Würsten, Tomaten und Eiern auf meinen Teller schaufelte. Beim Abschied fragte sie mich, ob ich nicht ein paar Tage länger bleiben wolle. Heute, viele Jahre später, frage ich mich manchmal, wieso ich das damals nicht gemacht habe. Aber, wie gesagt: Ich war zwanzig und hatte keine Ahnung. Aber ich habe das Bild noch vor Augen, das ich beim Wegfahren im Rückspiegel sah: das kleine, weiße Cottage mitten in den irischgrünen Hügeln. Und die winzige, alte Frau, die mit einem Küchenhandtuch winkte.