Von Knochen, Konservierung und Spelunken

Irlands Tourguides haben genau die Geschichten in petto, nach denen Hollywood sucht. Und das Beste: Sie sind auch noch wahr. (Die allermeisten jedenfalls.)

Bartle zum Beispiel: Das ist so einer. Er wartete schon auf dem Parkplatz, es nieselte fein, aber diesen Hut hat er möglicherweise immer an. Wir erkannten ihn auch eher an seinem Stock, kerzengrade, vermutlich selbst geschnitzt. In der anderen Hand hielt er einen dieser altertümlichen Schlüsselringe, mit deren Hilfe man früher die Türen von Burgen und Klöstern aufgeschlossen hat. Bartle hatte ihn dabei, weil er uns ein paar Türen von Burgen und Klöstern aufschließen wollte. Bartle ist Tourguide. Eigentlich ist Bartle aber eher Bartle.

Aber jetzt geht es erst einmal einen steilen Hang hinauf, vorbei an der sehr romantischen Fore Abbey. Die interessiert Bartle aber offenbar nicht sonderlich, wir hecheln jedenfalls schnurstracks an ihr vorbei zur verfallenen Eremitage. Bartle schließt auf. Als die Tür klemmt, lässt er sich gegen sie fallen. Wir betreten einen Raum, den seit 1765 niemand mehr gelüftet hat, zumindest müffelt es so. Und jetzt legt er los. Und erzählt. Von den Eremiten. Von den Frauen, die zu Besuch kamen, damit die Eremiten nicht ganz so einsam waren. Von den Dorfkindern, die mit den Knochen der bestatteten Edelleute aus der Gruft spielten. Von den Motorradgangs, die mit Schädeln kegelten, lagen ja überall herum. Bartle erzählt, als wolle er Hollywood vierzehn Drehbücher gleichzeitig anbieten. Damit man keine entscheidende Szene verpasst, klopft er an solchen Stellen mit seinem Stab auf den Boden.

Manche Leute können das ja: Zuhörer derart in ihren Bann ziehen, dass man Raum und Zeit vergisst. Solche Menschen sind beliebte Gäste auf langweiligen Geburtstagsfeiern. Sie schaffen es locker, halbe Pubs zu unterhalten. Oder einen ausufernden Kindergeburtstag zu bändigen. Wenn man Glück hat, werden solche Menschen Tourguides. Wenn man noch mehr Glück hat, ist man mit ihnen verabredet. Dann erklären sie einem Irland.

Oder zumindest Tullynally Castle. Bartle hat uns mitgenommen, auf der Fahrt hat er weitere Geschichten erzählt: Sondersold für Linkshänder, Wirtschaftskrisen, Liebe, Verrat, Hinterhalt. Und jetzt also das Castle: Vergilbte Tapeten, Möbel aus drei Jahrhunderten und Kaminzimmer wie Ballsäle, an die Heizkosten will man gar nicht denken. Bartle klopft kurz auf den Teppich, als er uns auf Edward Pakenham aufmerksam macht, das Bild links, der Typ mit der spitzen Nase. Pakenham starb 1812 in der Schlacht von New Orleans. Beerdigt werden sollte er natürlich in der Heimat, also steckte man ihn aus Konservierungsgründen in ein Rumfass. Statt auf dem Schiff landete das dann in einer Spelunke in Louisiana. Als sich die Kundschaft über die merkwürdige Geschmacksnote des Rums beschwerte, beschloss der Wirt das Fass zu öffnen. Oh ja. Yumm. "Da war er, der Pakenham", meint Bartle. „Any questions?“

Als wir wieder in unserem Mietwagen sitzen, beschließen wir, dass wir das alles aufschreiben müssen. Heute Abend noch. Für den Fall, dass Hollywood mal anruft.

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