Wiedersehen in Enniskillen

“Von wegen nix als Schafe – Marie und Moritz unterwegs in Irland” - Episode 9

Marie hing an der Reling. Sie lachte ohne Ende. Fette Tränen flossen in den Shannon, so sehr hatte es sie erwischt. Sie hatte ja schon vor Jahren die Erfahrung gemacht, dass Moritz unglaublich komisch sein konnte, wenn er nicht wollte – also unfreiwillig. Aber das hier toppte alles. Außerdem: An einem Tag zweimal vor lauter Lachen nicht mehr können, weil der Verlobte sich benimmt, als wäre er Standup-Comedian – das war selbst für die Moritz-geübte Marie eine neue Erfahrung.

Begonnen hatte alles am Vormittag, als sie nach der langen Autofahrt aus Cork endlich in Athenry angekommen waren und Marie sich Watte in die Ohren stopfen hatte müssen, weil Moritz von der Volvo-Steuerbordseite ohne Pause "Looooow liiiiie the fields of Athenry ..." zu ihr herüber gegrölt hatte.

Das Problem war: Moritz konnte nicht singen. Alle wussten das. Nur Moritz nicht. In Athenry verstummte er dann aber plötzlich und sah verunsichert aus dem Seitenfenster des Volvos: kein Shannon.

Das kam ihm seltsam vor. Marie am Beifahrersitz googelte einstweilen noch einmal nach dem Übernahmeprocedere für ihr Hausboot, das sie reserviert hatten. Und begann so heftig loszulachen, dass ihr, zum ersten Mal an diesem Tag, dicke Tränen über die Wangen rollten.

"Mein Schatz", prustete Marie, "mein allerliebster Verlobter!"

"Du musst jetzt ganz stark sein, denn wir müssen nicht nach Athenry, sondern nach Athlone. Athlone! Das liegt 50 Kilometer weiter östlich. Aber der Shannon fließt nun einmal durch Athlone, nicht durch Athenry."

Moritz, der für diese Etappe die Reiseplanung übernommen hatte, grunzte eine Zwischenversion aus "Damn it" und "Fuck it", wendete den Volvo, und zurück ging es auf die Autobahn. Umgekehrte Richtung, dem River Shannon entgegen.

 

 
Athlone city

In Athlone dann, als sie ihr Hausboot ausgefasst hatten, dümpelten sie allein an Deck der "Saoirse na Mara", wie das Schiff hieß, über die Wellen des Shannon. Marie steuerte, Moritz war in der Kabine verschwunden und wie folgt wieder heraus gekommen: dunkelblauer Blazer, weißes Hemd, blauer Schlips, weiße Hose, weiße Halbschuhe. Fehlte noch, dass er eine Kapitänsmütze am Kopf und eine Pfeife im Mund gehabt hätte.

Für Marie reichte das auch so. Denn Moritz als Hausboot-Käptn in voller Adjustierung – das war der lächerlich-komischste Moritz, den sie je gesehen hatte. Und nun hielt sie sich eben an der Reling fest und lachte zum zweiten Mal an diesem Tag Tränen. Marie konnte sich gar nicht mehr einkriegen, Moritz in seinem kuriosen Aufzug musste das Steuer übernehmen. Bei der nächsten Möglichkeit legte er an, verschwand an Land und kehrte mit einem Topf wasserlöslicher Farbe sowie einem großen Pinsel zurück.

"Ich will ein Boot, das einen zukunftsträchtigen Namen trägt", sagte Moritz zu Marie, "einen Namen, der Ferne signalisiert, und der gleichzeitig zeigt, hier befährt ein deutsches Pärchen den Shannon!"

"Ist das nicht etwas schrullig?", fragte Marie, immer noch belustigt vom Aufzug ihres Verlobten. Und auch besorgt wegen dessen Verhaltens. Sie wies darauf hin, dass "Saoirse na Mara" auf Deutsch "Freiheit des Meeres" hieß, also ohnehin Ferne signalisiere. Doch Moritz in seinem Kapitänsaufzug – ein Kapitän in Uniform dürfe ein Boot jederzeit umtaufen, das sei internationales Seerecht, erklärte er – bestand darauf, der Saoirse na Mara einen neuen Namen auf die Bordwand zu pinseln.

Dann nimm um Gottes Willen eben "Weitblick", hatte Marie vorgeschlagen und kopfschüttelnd gefragt:

"Ist dir das dann Ferne genug?"

Also hatte Moritz der Saoirse na Mara tatsächlich den neuen Namen "Weitblick" aufgemalt, hatte seine Kapitänsuniform wieder ausgezogen, das Steuer übernommen und abgelegt.

Bis zum Ende ihres Irland-Trips sollte Marie rätseln, was in aller Welt ihren Verlobten da wohl getrieben hatte. Sie schrieb es der Gesamtmenge an Jameson zu, die beide in Irland bisher konsumiert hatten, und die nicht unbeträchtlich war.

Moritz und Marie hatten sich jedenfalls sehr auf ihre Hausbootfahrt auf dem Shannon gefreut. Den Volvo hatten sie in der lokalen Niederlassung der Mietwagenfirma zur endgültigen Reparatur der Ölwanne zurück gegeben. Der Plan: Die beiden würden den Shannon hinauf schippern, in Carrick-on-Shannon auf den Erne Waterway wechseln und weiter hinauf bis zum Städtchen Enniskillen dümpeln, das genau in der Mitte zwischen dem Upper und dem Lower Lough Erne liegt.

Die Fahrt entwickelte sich wunderbar. Moritz hatte ihre "Weitblick" anstandslos durch alle Twists gesteuert, die der Shannon auf seinem pittoresken Weg quer durch die irische Insel eben so hinlegt. Marie hatte die hydraulischen Schleusen bedient, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Die beiden hatten sich an Bord als eingespieltes MoMa-Team erwiesen. Sie waren auf sanften Wellen in Sonnenuntergänge geschaukelt, hatten an Deck Whiskey und Guinness getrunken, Sodabrot gegessen, sie hatten Landausflüge in malerische Dörfchen unternommen, waren verwunschene Ufer entlang gegondelt, über weite, spiegelnde Seen geglitten, waren unter uralten Steinbrücken hindurch gefahren, kurz: Sie hatten sich auf den Fluten des broad majestic Shannon einige Tage lang wie zuhause gefühlt. Endlich hatte sich ihr Irland-Trip, der bisher so aufregend verlaufen war, zu einer beschaulichen, romantischen Reise entwickelt.

Und auf einmal stand da dann aber, nachdem sie auf den Shannon-Erne-Kanal abgebogen waren, dieser alte Mann am Steuerbord-Ufer, blinzelte ihnen hoffnungsvoll entgegen, hielt den Daumen einer Hand in die Luft und wollte ganz offensichtlich mitgenommen werden.

"Untersteh dich, einen Anhalter mitzunehmen", hatte Marie gesagt.

Doch Moritz hatte sich bereits zum Anlegen am steil abfallenden Ufer bereit gemacht und das entsprechende Manöver der „Weitblick“ eingeleitet.

Der alte Ire war mit einem beherzten Sprung an Bord gehechtet, samt seines ungeheuren, kugelrunden Rucksacks, der schwer an ihm hing und seinen Körper nach hinten bog. Er stellte sich als Declan vor, 95 Jahre alt und frisch aus Amerika angereist, vor kurzem am Shannon-Airport gelandet – und nun, weil das Geld nicht reichte, per Autostopp unterwegs. Besser gesagt: per Schiffstopp.

Er vertraue Automobilen nicht, erklärte Declan, Schiffe hingegen kenne er seit seiner Kindheit. Bei Autos gehe immer etwas kaputt (Moritz dachte sofort an die Ölwanne des Volvos), während ihn Schiffe schon von Irland nach Amerika gebracht hätten, ohne dass je etwas nicht funktioniert hätte. Doch das, seufzte Declan, sei eine andere Geschichte. Er wollte nach Enniskillen. Und weil sie dasselbe Ziel hatten und in der Weitblick, die für vier Urlauber gedacht war, ohnehin eine Kabine frei war, nahmen Marie und Moritz den freundlichen, steinalten Declan als Passagier mit.

Die meiste Zeit verbrachte er an Deck und bestaunte die Ufer des Erne Waterways mit geistesabwesendem Blick. Viel konnten MoMa nicht aus ihm herausbringen. Doch als Moritz die Weitblick schließlich mit geübter Hand durch das Insel-Labyrinth des Upper Lough Erne Enniskillen entgegen steuerte, während Marie und Declan am Kabinendach saßen und Jameson tranken, erzählte Declan schließlich seine Geschichte.

Es war die typische Geschichte armer Iren aus der Zeit zwischen den Weltkriegen: der Vater bei der Schlacht um Gallipoli gefallen, die Mutter ohne Chance auf eine Zukunft. Wie so viele andere Mütter von Kindern ohne Väter beschloss sie, auszuwandern. Nach Amerika natürlich.

Und so war Declan als Junge dann an der Hand seiner Mutter am Deck eines Dampfers gestanden, der wie eine moderne Version der alten Coffin Ships war, auf denen irische Auswanderer zur Zeit des Famine, der großen Hungersnot, nach Amerika aufgebrochen waren. Wie einst sie, hatte auch Declan auf den Horizont im Westen gestarrt. Er hatte sich gezwungen, den Beteuerungen der Mutter zu glauben, dass dort alles besser werden würde.

Doch seine Mutter war bald nach ihrer Ankunft in New York an einer Krankheit gestorben, der kleine Declan hatte sein Leben in der neuen Welt allein leben müssen. Kein leichtes Leben, das Versprechen vom amerikanischen Traum hatte sich für Declan nie erfüllt. Ein paar gute Jahre hatte es gegeben, er hatte geheiratet, eine Tochter gezeugt, war kurz sogar glücklich gewesen. Dann war auch seine amerikanische Frau gestorben. Declan hatte sein Kind, das er allein nie durchbringen hätte können, auf einem weiteren Schiff abgeladen, das in die umgekehrte Richtung fuhr, nach Europa, wo sich eine britische Familie bereit erklärt hatte, die Kleine aufzunehmen.

"Róisín", flüsterte Declan, und kramte aus einer Jackentasche das zerschlissene Bild eines kleinen Mädchens hervor, das er Marie zeigte.

Seit damals habe er von seiner Tochter nichts mehr gesehen oder gehört, erzählte Declan, während er das vergilbte Schwarzweißbild mit zittriger Zärtlichkeit zurück in die Jacke stopfte. Doch nun, gegen Ende seines Lebens, sei er zurück nach Irland gekommen, um seine gut sechs Jahrzehnte verschollene Róisín wiederzufinden.

Als Marie vor lauter Rührung zu schluchzen begann, rückte Declan mit der guten Nachricht heraus: Er hatte sie schon gefunden. Am Flughafen Shannon hatte er seine Geschichte einem Immigration Officer erzählt – eine junge Frau, die wie Marie sofort feuchte Augen bekommen hatte. Sie hatte im Personenregister nachgeforscht, mit nordirischen Polizeikollegen telefoniert und innerhalb einer Stunde herausgefunden, was Declan in seinem ganzen restlichen Leben nicht herausgefunden hätte:

Róisín hieß inzwischen Rose McGreevy, war verheiratet, 70 Jahre alt, hatte zwei Söhne und zwei Enkelkinder und lebte mit ihrem Mann in einem schmucken Haus im nordirischen Enniskillen.

Als die junge Beamtin Declan auf ihrem Handy ein Familienfoto aus dem Web gezeigt hatte, auf dem er nicht nur seine alt gewordene Tochter sah, sondern auch seinen unbekannten Schwiegersohn, seine beiden Enkel mit deren Frauen und seine zwei Urenkel, hatte er sich an seinem Rucksack festgekrallt und eine gewaltige Träne aus dem rechten Augenwinkel gewischt.

Dann hatte er sich auf den Weg gemacht. Zuerst per Autostopp, trotz seiner Abneigung gegen Automobile. Kurz nach Carrick-on-Shannon hatte er sich dann an den Fluss gestellt – in der Hoffnung, eines der vielen Hausboote würde ihn mitnehmen. Moritz und Marie waren gleich die ersten gewesen, die an ihn heran geschwappt waren. Mit der einen Hand hatte Declan sich wegen des komplizierten Namens, Saoirse-na-Mara-Weitblick, am Kopf gekratzt, mit der anderen hatte er sein Haltezeichen gegeben. Und jetzt saß er eben mit Marie am Kabinendach der Weitblick, nahm einen weiteren kräftigen Schluck Jameson und war bereit, von Bord zu gehen.

Als sie wenig später in Enniskillen anlegten, stand Declan wortlos auf, schluckte einen tennisballgroßen Pfropfen im Hals hinunter, umarmte Marie, umarmte Moritz, und sagte ganz leise:

"Go raibh maith agat!"

Dann wuchtete er seine Rucksackkugel mit 95 Jahren Leben darin auf die Schultern, stieg mit schweren Schritten auf den Steg und stapfte davon. MoMa sahen den fetten Rucksack, der plötzlich leichter geworden zu sein schien, hinter einer Ecke verschwinden und Declan war Geschichte für sie. Wie schon vor Wochen das Galway Girl in der Crane Bar.

Sie waren am Ende ihres Hausboot-Trips angelangt und Moritz hatte vor der Rückgabe der Weitblick nun noch eine Arbeit zu erledigen, die er sich selbst aufgebürdet hatte. Marie setzte sich derweil in die Kombüse, schenkte sich ein weiteres Glas Jameson ein und dachte an den alten Iren. Von draußen konnte sie Moritz an der Flanke des Bootes leise fluchten hören, weil er seine liebe Mühe hatte, den Namen Weitblick wieder von der Bordwand der Saoirse na Mara zu waschen.

Marie schniefte am Tisch vor sich hin, immer noch gerührt von Declans Geschichte. Sie hoffte, das Wiedersehen des alten Mannes mit seiner Tochter würde reibungslos verlaufen.

"Wie schön muss das sein", murmelte sie vor sich hin.

Fast wünschte Marie sich, auch jemand verschollen Geglaubten wiedersehen zu können.

Genau in diesem Moment hörte sie ein Tocken. Sie wusste nicht, ob es dem Jameson geschuldet war, oder ob wirklich gegen die Kabinentür geklopft wurde. Es klang jedenfalls, als würde etwas Spitzes in kurzen Stößen zart gegen das Metall des Türknaufs hacken.

Marie stand auf, schlich zur Türe und drückte das Ohr ans Holz. Nichts mehr zu hören. Sie wartete eine Minute. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und öffnete die Tür. Einen Spalt zunächst nur, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Dann ganz. Sie traute ihren Augen kaum: Einen halben Meter von ihr entfernt, auf der Reling, saß ein Fischreiher. Er starrte die Türe an – genau dorthin, wo der Türknauf sich befand.

"Bertie?", flüsterte Marie entgeistert.