Schöner Spuk

“Von wegen nix als Schafe – Marie und Moritz unterwegs in Irland” - Episode 4

„Bertiiiiiieeee! Was hockst du denn zwischen den Hühnern? Cummin!“

Marie sprang so schnell aus dem Bett, dass sie Moritz die bunt geblümte Decke wegriss. Moritz wollte es ihr gleichtun, doch nach einer Nacht auf der Matratze, die mindestens genauso alt war wie Margareth, stach ein Schmerz in seinen unteren Rücken und lähmte ihn für einige Sekunden.

Marie wischte eine Stelle auf dem beschlagenen Fenster mit ihrem Nachthemdärmel frei und stierte in den Garten.

„Ist er es? Bertie? Der Fischreiher?“, krächzte Moritz, heiser von der Nacht.

Maries zusammengepresste Lippen waren Antwort genug.

Als sie keine halbe Stunde später die Zimmertür öffneten, umgarnte sie der Duft nach gebratenem Speck und frischem Kaffee. Bester Laune hüpfte Marie die Treppe hinunter, während sich Moritz mit einer Hand im Kreuz hinterherquälte.

Margareth war nicht zu sehen, dafür balancierte ein Mann um die 50, der aussah wie eine dunkelhaarige Version von Brad Pitt, zwei bis zum Anschlag volle Teller aus der Küche ins kleine Esszimmer.

„Good morning, folks, howya?“ Er strahlte und ließ eine Reihe sicher frisch gebleichter Zähne erkennen.

„Grand, thank you“, säuselte Marie in einer Stimme, die in Moritz‘ Kopf sofort die Alarmglocken schrillen ließ.

Was bildete sich dieser Kauz ein, hier morgens um neun mit knallengem T-Shirt herumzulaufen, das einen Oberkörper wie von einem Profischwimmer andeutete? Ein Mann in seinem eigenen Alter in so einer Aufmachung, lächerlich! Und überhaupt, das war doch niemals ein Ire! Dunkle, grau melierte Haare, nicht etwa rot, keine Sommersprossen, dafür dunkle Bartstoppeln. Aus einem Augenwinkel nahm er wahr, wie Marie ihren ohnehin schon flachen Bauch einzog und ihre Bluse zurechtzupfte, während der Fremde ihr den Stuhl hervorzog.

„Mary, richtig? Mum hat mir von euch erzählt.“

Mum? „Das gibt’s doch nicht!“, rutschte es Moritz heraus, was Marie mit einem finsteren Blick abstrafte.

„Ich bin Albert, Margareths jüngster Sohn, aber alle nennen mich Bertie.“

„Bertie“, hauchte Marie, so entzückt, als säße der verfluchte Fischreiher vor ihr.

Zu allem Überfluss holte Bertie einen dritten Teller mit Speck, Spiegelei, black and white pudding – also je eine Scheibe gebratene Blutwurst und Leberwurst – gebratenen Pilzen, Tomaten sowie gebuttertem Toast aus der Küche und setzte sich zu ihnen an den Tisch. Marie, die sonst morgens höchstens eine Scheibe Schwarzbrot mit Magerquark runterbekam, langte beherzt zu.

Moritz hörte nur mit einem Ohr hin, während Marie vom Galway Girl, dem Fischreiher und dem Matchmaking Festival plauderte, was Bertie mit einem kehligen Lachen quittierte.

„Wir sagen ‚An té a bhíónn siúlach, bíonn scéalach‘, wisst ihr, was das bedeutet?“

Marie schüttelte den Kopf.

„He who travels has stories to tell!”


Moritz wollte einwerfen, dass es im Deutschen ein ganz ähnliches Sprichwort gebe, „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, aber er bekam keine Chance.

„Die beste Geschichte fehlt euch aber noch: ein Spukschloss!“

„Spukschloss?“ Marie blieb fast die Leberwurst im Hals stecken.

Moritz grunzte. Auch das noch! Als ob sie nicht schon zu Hause einen Krimi nach dem anderen verschlang und sich dauernd irgendwelche Spuk- und Horrorfilme anschaute.

„Wer wie ein Ire erzählen will, kommt um ein paar Spukgeschichten nicht herum!“ Bertie haute mit der Faust auf den Tisch, dass Moritz‘ black pudding einen Luftsprung machte, und zog wie von magischer Hand aus einem Stapel Bücher auf der anderen Tischseite ein dünnes Büchlein hervor. Der Titel kündigte „Haunted places of Ireland“ an.

„Jedes Kind weiß, dass es in Irland überall spukt, ihr glaubt ja auch an Leprechauns“, knurrte Moritz und erntete damit erstmals Berties Aufmerksamkeit sowie einen Schienbein-Tritt unterm Tisch von Marie.

„Natürlich! Was wären wir ohne unsere Leprechauns? Würdest du nicht gerne einen Kobold fangen und drei Wünsche freihaben? Oder einen Topf voller Gold finden?“ Bertie öffnete das Buch über Irlands Spukorte, drehte es herum und tippte auf ein Foto. „Ross Castle im Killarney Nationalpark. Ich bin Hotelmanager eines Hotels fast nebenan. War nur übers Wochenende zu Besuch bei Mum, aber heute wollte ich wieder nach Killarney zurück.“ Allerdings sei sein Auto gerade kaputt und er müsse einen Freund bitten, ihn die knappe Stunde zu fahren.

Moritz wollte gerade ein Stück Brot in das Gelb des Spiegeleis tunken, doch hielt augenblicklich inne – er wusste, was jetzt käme. Wollte es gerade verhindern, von ihrer – in trauter Zweisamkeit – geplanten Tour um den Ring of Kerry erzählen, doch zu spät!

„Ihr müsst unbedingt in den Killarney Nationalpark fahren und das Spukschloss besuchen, und ihr könnt in meinem Hotel direkt am See übernachten, gratis! Ihr müsst mich nur zum Nationalpark mitnehmen.“ Er zwinkerte Marie zu.

„Na klar! Nicht wahr, Moritz, es ist für uns doch gar kein Problem, Bertie mitzunehmen! Der Ring of Kerry ist nicht so wichtig.“

Der Mechaniker, dem sie die Autoschlüssel überlassen hatten, hatte den reparierten Volvo bereits vor Margareths Haus geparkt. Sie verstauten ihre Koffer und Berties Tasche im Kofferraum. Marie spazierte wie selbstverständlich zur rechten Autoseite und schwang sich hinters Steuer. Sie griff links hinter sich ins Leere, als sie den Sicherheitsgurt anlegen wollte, lachte, während ihr Bertie den Gurt von rechts entgegenstreckte.

„Aber wie … warum …?“ Moritz war irritiert.

„Du hast gestern genug Unfug angestellt!“ Ihr Blick klebte am Rückspiegel, in dem Bertie von der Hinterbank schmunzelte. Sie stellte das Radio an, erwischte auf Anhieb „The wild rover“ und sang mit Bertie um die Wette. „And it’s no, nay, never, no nay never no mooooore …”

In Moritz’ Kopf wüteten schon wieder Kobolde, als Marie auch noch im vierten Gang auf eine Kreuzung zuraste, um rechts abzubiegen, in letzter Sekunde registrierte, dass sie auf die linke Seite musste und ihre rechte Hand gegen die Tür schlug, während der Blinker ausblieb, dafür aber der Scheibenwischer über die trockene Scheibe voller zerschmetterter Insekten und einem Möwenschiss auf der Beifahrerseite schrabbte.

Moritz war kein gläubiger Mensch, trotzdem entfuhr ihm ein „lieber Gott“, was die Band The Dubliners jedoch übertönte.

Danach drehte Marie die Lautstärke runter. „Bertie, erzähl uns von Ross Castle!“

Und dann plauderte er, als wäre ihm das Geschichtenerzählen in die Wiege gelegt. Schon bald musste sogar Moritz zugeben, dass er gebannt war.

„Ross Castle liegt auf der sogenannten Ross Island im Nationalpark, am Lough Leane.“ Also an einem See.

„Niemand weiß genau, wann es gebaut wurde, aber man vermutet im 15. Jahrhundert, und zwar von dem damals hier herrschenden O’Donoghue-Clan, auf Irisch Donnchadha“, erzählte Bertie mit tiefer Stimme. „‚Donn’ bedeutet braun, ‚cath’ Schlacht. Also nimmt man an, dass die O’Donoghues von braunhaarigen Kriegern abstammten. Das könnte passen! Ich heiße auch O’Donoghue, und schaut mich an!“ Bertie kicherte.

Marie hing per Rückspiegel an seinen Lippen, während sie mit Vollgas auf die nächste Kurve der engen, von weiten Feldern gesäumten Straße zusteuerte.

„Pass auf!“, kreischte Moritz. Marie trat sofort auf die Bremse – und kam wenige Zentimeter vor den molligen Hinterteilen einer Schafsherde zum Stehen.

„Meine Güte!“ Maries sonst rosafarbige Wangen wurden bleich, und selbst Bertie verstummte.

„Tja, he who travels …“, wollte Moritz das neu gelernte Sprichwort aufsagen, doch Bertie fuhr ihm ins Wort.

„Die Schafe haben’s nicht so mit den Verkehrsregeln. Sei vorsichtig bei Kurven! In Irland weiß man nie, ob dahinter ein Schaf, eine Ziege oder ein Bulle steht!“ Er tappte Marie von hinten auf die Schulter und fügte dann verschwörerisch hinzu: „Oder ein Geist!“

Als die Schafe des ständigen Motortuckerns hinter sich leid waren, trotteten sie auf die Wiese zur Rechten.

„Später wechselte das Schloss den Besitzer, wurde auch von Oliver Cromwell eingenommen, aber der alte O’Donoghue verließ sein Heim nie“, nahm Bertie seine Geschichte wieder auf, flüsternd, als wolle er O‘Donoghues Geist nicht provozieren. „Der Alte ist dort nachts noch immer mit seinem Pferd unterwegs, denn sie kamen gemeinsam um.“ Er legte eine bedeutungsschwangere Pause ein.

„Wie das?“ Nun wollte auch Moritz wissen, was sie erwartete.

„O’Donoghues Widersacher Mc Cathy Mor, der sich das Schloss schließlich unter den Nagel riss, jagte O’Donoghue auf seinem Pferd bei einem Kampf in den See. Der schrie um Hilfe, klammerte sich am Hals des Tieres fest, das um sein Leben wieherte, doch das Pferd ging als Erstes unter. O’Donoghue versuchte, das Ufer schwimmend zu erreichen, aber seine Kraft reichte nicht, er war schon vom Kampf verletzt. Und bald sah man nur noch ein paar Blasen auf dem ruhigen See …“

 
Ross Castle, County Kerry

Als wollte er Berties Geschichte szenisch untermalen, zog nun Nebel vor ihnen auf.

„Wenn ihr heute Abend einen Spaziergang am Schloss macht, hört genau hin. Ich wette, ihr werdet ein Pferd hören. Gefolgt von O’Donoghues Stimme, die nach ihm ruft.“

Ein Schauer lief Maries und Moritz‘ Rücken hinab.

Ohne weitere Kreuzungs- oder Schafsvorfälle erreichten sie schließlich den Killarney Nationalpark. Bertie entschuldigte sich für den mittlerweile dichten Nebel, der ihnen die Sicht über die rauen Bergketten und Seen von Killarney, in denen sich Berge und Wolken spiegelten, vermieste. Marie und Moritz blieb nur die Erinnerung an Bilder aus dem Internet.

Bertie dirigierte sie zu „seinem“ Hotel, wie er es nannte, und wurde strahlend von der Rezeptionistin empfangen, die aussah, als bestünden ihre täglichen Hauptmahlzeiten aus einer Doppelportion Irish breakfast, mittags Stew und abends Fish & Chips. Moritz fühlte sich augenblicklich, als wäre er beim Hurling, dem wohl schnellsten Teamsport der Welt und irischen Nationalsport, über den Haufen gerannt worden.

„Morris!“, kreischte die Dicke hinterm Tresen und steuerte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu, bevor sie ihn an ihre mächtige Brust drückte und ihm einen Kuss auf jede Wange verpasste.

„Ihr kennt euch?“ Bertie runzelte die Stirn.  

Moritz murmelte etwas vom Matchmaking Festival und zog Marie wie ein Schutzschild vor sich. Es dauerte gefühlte drei Stunden, bis sie endlich die Tür ihres Zimmers hinter sich ins Schloss drückten. Doch viel Zeit für Zweisamkeit blieb nicht – Bertie bestand darauf, mit ihnen herumzufahren und natürlich zum Schloss seines Namensclans.

Der hartnäckige Nebel tat sein Bestes, um glaubhaft zu vermitteln, dass es rund um das sich hell mit seinen dicken Mauern und Zinnen aus dem trüben Grau erhebende Schloss nicht mit rechten Dingen zuging. Moritz zog seinen Kragen höher und ergriff Maries eiskalte Hand.

„Wie oft hast du O’Donoghue schon gehört?“, fragte er Bertie. Der flüsterte wieder: „Zum ersten Mal, als ich als Fünfjähriger mit meinen Freunden abends am Schloss spielte. Plötzlich vernahmen wir aus der Ferne ein Wiehern, dann eine Stimme, die um Hilfe rief.“ Er schwieg, ließ seine Worte auf das Paar wirken. „Und dann“ – Marie und Moritz mussten sich zu ihm vorbeugen, um ihn noch zu hören – „sah ich einen Schimmel, der unten am See vorbeigaloppierte!“

Maries Augen glühten.

„Danach habe ich viele weitere Male die Hufe eines Pferdes gehört, einmal glaubte ich sogar, am Ufer eine hinkende Person auszumachen.“

Moritz stierte in den Nebel. Unsinn! Er hatte noch nie an solche Märchen geglaubt. Dennoch zuckte er zusammen, als eine Brise an diesem vollkommen windstillen Tag seine Wange streifte.

Später, als sie im Dunkeln eng umschlungen auf dem Queensize-Bett mit dicker Decke und Dutzenden Kissen lagen, strich Moritz über Maries Haar. „Stehst du auf ihn?“

„Hmm?“

„Na Bertie, der aussieht wie das Poster-Model vom Matchmaking Festival in Lisdoonvarna!“

Marie lachte laut. „Bist du etwa eifersüchtig?“

Moritz grunzte.

„Er sieht schon toll aus, und nach meiner Vorstellung so gar nicht irisch. Vielleicht hatte Margareth eine Affäre mit einem italienischen Gast!“

Nun lachten beide.

„Aber er ist nicht du! Wir sind MoMa, und daran wird sich auch nichts ändern.“

Moritz seufzte. Dann fuhr seine Hand langsam über ihren Rücken, hinunter zum Po. Endlich keine Huhnbeschallungsanlage mehr. Da erklang von draußen das unverkennbare, dumpfe Wiehern eines Pferdes. Moritz fluchte, Marie kicherte.

„Aber Moritz, du weißt doch: ‚He who travels …“

„… has stories to tell“, grunzte Moritz und drehte sich auf die andere Seite. Diese ganzen O’Donoghues konnten ihn mal!