Bienenknie – Bees knees

“Von wegen nix als Schafe – Marie und Moritz unterwegs in Irland” - Episode 3

Und dann legte sich die Straße hinter Castlegregory in die nächste Kurve, und auf einmal war da der Atlantik rechts neben ihnen, der tiefe, weite, schiefergraue Atlantik, und ein Stück heller Strand und ein Fels und ein Schwarm Möwen im Aufwind, und Moritz musste an diesen Film denken, der mit Saoirse Ronan, der, in dem sie ...

„Achtung!!

Maries Hand krallte sich in seinen Oberschenkel, und Saoirse verschwand, und Moritz sah ein Monster auf sich zurasen. Wo kommt der denn her, dachte er noch, aber da war der Lastwagen auch schon da, frontscheibenfüllend, hupend, bremsenkreischend. Moritz riss das Steuer nach links, und der Mietwagen schoss hinüber auf die richtige Straßenseite. Es gab einen dumpfen Schlag, als sie über irgendetwas im Gras fuhren. Moritz steuerte nach rechts, das Auto brach aus, aber da war der Lastwagen bereits hinter der nächsten Kurve verschwunden.

„Dieser verdammte Linksverkehr!“ Moritz hielt am Straßenrand. Er schaltete den Motor aus und löste Maries Hand vorsichtig aus seinem Oberschenkel. „Alles ok bei dir?“

„Ja. Alles gut.“ Ihre Unterlippe zitterte. Ganz schön knapp. Wie lange sind wir denn schon auf der falschen Seite gefahren?“

„Keine Ahnung. Seit wir vorhin für die Fotos angehalten haben?“

Moritz schloss für einen Moment die Augen. Du Idiot, dachte er, da hätte gerade Gottweißwas passieren können. Er stieg aus, um sich die linke Autoseite anzusehen. Über welchen Stein auch immer er da gefahren war, es schien nichts passiert zu sein. Dann entdeckte er die dunkle Flüssigkeit, die unter dem Auto hervorlief.

„Ich fürchte, wir müssen in eine Werkstatt. Ich hab offenbar die Ölwanne geschreddert.“

Er ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Passt ja zu diesem Tag, dachte er, musste ja so weitergehen. Aufgewacht war er mit einem Gefühl, als kehre ein Bataillon winziger irischer Kobolde mit Reisigbesen seinen Kopf aus. Es hatte drei Aspirin gebraucht, um ihn überhaupt einigermaßen gesellschaftsfähig zu machen nach dem Abend auf dem Matchmaking-Festival. Beim Frühstück waren die Kobolde trotzdem zur Hochform aufgelaufen; er hatte nur eine halbe Tasse Tee hinunter bekommen. Und dann hatte morgens auch noch ständig sein Handy geklingelt. Irgendwie war eine seiner Verehrerinnen von gestern Abend an seine Telefonnummer gekommen. Ihren ersten Anruf hatte er entgegen genommen und sofort so getan, als habe sich die Frau verwählt. Er vermutete, dass es die Dicke aus Killarney war. Die im mantellangen Strickpulli. Die mit der Metzgerei. Die mit den zwei grünen Buttons.

Marie küsste ihn auf die Wange. „Komm, MoMa, wir lassen uns den Tag nicht verderben. Ich ruf bei der Mietwagenfirma an. Da hinten war ´ne Werkstatt. In dem Ort, durch den wir eben gefahren sind.“ 

Eine halbe Stunde später standen sie vor dem Bed & Breakfast, das der Mann in der Werkstatt ihnen empfohlen hatte, nachdem er den Schaden begutachtet und die Reparaturdauer mit bis irgendwann morgen" festgelegt hatte: „Es gibt nur das B&B von Margareth, mehr haben wir nicht. Liegt direkt an der Hauptstraße!

Tatsächlich hatten sie die Pension schon gehört, bevor sie sie sehen konnten: Die Pension klang wie ein irisches Punkkonzert mit komplett überdrehter Tin Whistle. Das ganze Haus schien zu pulsieren. Ein Fenster zur Seite war offen, auf dem Fensterbrett standen zwei große Lautsprecherboxen. Im Garten daneben kauerten sechs oder sieben Hühner in einer Art Schockstarre im Gras.

„Who are you?“ Margareth sah aus wie die älteste Frau der Welt. Und sie klang wie die lauteste. Was wohl vor allem damit zu tun hatte, dass sie gegen die Flogging Mollies anbrüllen musste. Moritz kannte die Band, die durch das Haus lärmte; bei YouTube gab es fantastische Live-Videos von Guinness trinkenden Musikern und einem Publikum, das Pogo tanzte. Er wollte fragen, ob ein Zimmer frei sei, aber da hatte sich Margareth schon umgedreht und war im Haus verschwunden. Ein paar Sekunden später verstummte die Musik. Die kleinen Kobolde in Moritz Kopf waren allerdings aus ihrem Mittagsschlaf erwacht. Sie kehrten fleißig die Ecken aus.

„Ich bin mir nicht sicher, ob das heute noch unser Tag wird.“ Moritz sah Marie an. Er wollte sie fragen, ob sie vielleicht doch mit einem Taxi in den nächsten Ort fahren sollten, als Margareth zurück kam.

„Wir müssen Formulare ausfüllen!“, schrie sie in die Stille. Marie und Moritz zuckten zusammen. Offenbar hatte ihr Leben bei 120 Dezibel die Frau komplett schwerhörig werden lassen. „Cummin!“, brüllte Margareth, drehte sich um und ging ins Haus.

„Wollen wir uns nicht erst mal das Zimmer zeigen lassen?“, flüsterte Moritz, als sie an einer Anrichte mit Nippesfiguren vorbeikamen.

„Ich find das gut hier. Hat was Skurriles.“

Margareth hatte inzwischen ein Klemmbrett mit Papieren gefunden und sich an den Wohnzimmertisch gesetzt. Nun versuchte sie, die Schreibweise von „Moritz“ zu erahnen. Der wollte ihr helfen, aber Margareth hielt den Bleistift umklammert, als sei Moritz einer von Cromwells Schergen, der einer armen, alten Irin die letzte Kartoffel wegnehmen wollte. Sie funkelte ihn böse an. Moritz machte einen Schritt zurück. Das „Maurizz“ auf dem Formular kommentierte er nicht.

Bees knees?“, brüllte Margareth jetzt. Und, als ihr Gast sie fassungslos ansah, noch einmal, und noch einmal lauter, falls der junge Mann schwerhörig war:

Bees knees?“

„Ähm...“ ...Moritz sah hilfesuchend zu Marie. Marie betrachtete das Regal an der Wand, vollgestopft mit Taschenbüchern ehemaliger Gäste.

Yourr worrk?“, brüllte Margareth.

„Ah! Ach so Business! Ich bin... I am....“ Moritz verstummte. Als er das letzte Mal einer älteren Dame erzählt hatte, dass er in der IT eines großen Unternehmens arbeitete, hatte er anschließend Windows 10 auf einem Computer installieren müssen, der noch mit Windows 95 lief. Die Gefahr lauert hier wahrscheinlich nicht, dachte er, aber trotzdem...

„Ich bin Büchsenmacher“, schrie er, weil ihm gerade nichts Ausgefalleneres einfiel. Gunmaker!“ Damit war er komplett safe, so viel war mal klar zum Glück war ihm das auf die Schnelle in den Sinn gekommen. Er sah zu Marie hinüber, die auf der anderen Seite des Wohnzimmers in einem Buch blätterte. Ein irischer Sommer" von Ricarda Martin. Moritz erkannte das Cover, seine Mutter hatte das neulich gelesen.

Gunmaker? Arre you? That’s luvvly!“, brüllte Margareth. Für eine Frau ihres Alters stand sie mit beängstigender Geschwindigkeit auf und huschte ins Nebenzimmer. Als sie kurz darauf zurückkehrte, hielt sie ein Gewehr in der Hand. Eine Flinte. Eine alte Flinte. Eine uralte. Das Ding sah aus, als hätte es schon in der Battle of the Boyne die Reihen der Oranier gelichtet.
Moritz fehlten die Worte. Hinter seinem Rücken giggelte Marie.

„Ich treffe nichts mehr mit dem Ding! Nichts mehr!“ Margareth fuchtelte mit dem Gewehr herum. Moritz fragte sich, ob sie in ihrem Alter auch nur noch grob die Richtung halten konnte. Auf was auch immer sie schoss, wenn sie schoss.

Sein Handy klingelte. Jetzt versucht die Dicke es vom Festnetz, dachte er, als er die irische Nummer sah und und den Anruf wegdrückte. Margareth fixierte das Smartphone, als überlege sie, ob dieser neumodische Firlefanz ein nettes Ziel abgeben würde.

„Ich stell sie hierhin!“, brüllte sie und lehnte die Flinte an die Anrichte. „Kannst Du Dir morgen nach dem Frühstück ansehen. Jetzt zeig ich Euch das Zimmer!“

„Die alte Marg? Wie seid Ihr denn zu der gekommen?“

Der Mann, den sie draußen auf der Straße nach einem Spaziertipp gefragt hatten, konnte seine Belustigung kaum verbergen. Und erwies sich als redselig, wie alle Iren, denen sie bislang auf ihrer Tour begegnet waren. Zuerst hatte er ihnen ein Tal namens Gleann na Huamha empfohlen, das schönste auf der kompletten Dingle-Halbinsel, bei Gott, das könne er beschwören. Jetzt klärte er sie über ihre Gastgeberin auf.

Margareth gelte im Ort als verschroben, meinte er, außerdem sei sie so gut wie taub. „Und sie glaubt, dass Hühner größere Eier legen, wenn man ihnen Musik vorspielt. Ihr Urenkel hat ihr eine Stereoanlage geschenkt. Und ein paar CDs.“ Er überlegte einen Moment. „Sagt Ihr heute Abend unbedingt noch, dass ihr ein normales Frühstück haben wollt. Die serviert euch sonst alles, was ihr vor die Flinte läuft. Nicht, dass ihr gehäckselten Reiher statt Cornflakes bekommt.“

 

Das Gleann na Huamha lag vor ihnen, als sei es aus einem fernen keltischen Paralleluniversum herausgerutscht. Durch das weite Tal gurgelte ein Bach, flankiert von Bäumen und Weideland. Es gab einen Weg, halb verblühte Ginsterbüsche und viele Regenpfützen, und sonst nur Stille. Als ob man in eine andere Welt hinein gewandert sei, der man den Ton abgedreht hatte, so kam es ihnen vor. Verzaubert. Mystisch. Sie nahmen sich bei den Händen und liefen in das Tal hinein, staunend wie Kinder. Nach einer Weile kam ihnen ein Pferd entgegen und trottete leise schnaubend an ihnen vorbei; als sie sich kurz danach umdrehten, war es nicht mehr zu sehen. Sie sprachen nicht viel, sie schauten nur. Moritz musste an Swift denken, dessen Bücher er liebte. Es sieht hier aus wie in einem Land, das Gulliver auf seinen Reisen entdeckt, dachte er. Und dass es ihn nicht wundern würde, wenn gleich hölzerne Wegweiser nach Luggnagg oder Glubbdubdrib auftauchen würden.

Etliche Kilometer, mehrere Stunden und zwei große Portionen Fish’n‘Chips im örtlichen Pub später fielen die beiden völlig erschöpft, aber voller irischem Urlaubsglück auf ein Bett, das dabei ein bedrohliches Geräusch von sich gab.

„Das war heute ganz Irland an einem Nachmittag, oder?“ Marie schmiegte sich an ihren Freund.

„Stimmt.“ Moritz zog Marie an sich. Und die Kobolde haben Feierabend, dachte er. Seine Hand strich sanft über ihren nackten Rücken, hinunter zu ihrem Po, und dann ...

... dann schaltete Margareth im Stockwerk unter ihnen die Hühner-Beschallungsanlage an, Rum, Sodomy and the Lash von den Pogues. Um zehn Uhr abends. Der Herrgott stehe uns bei, dachte Moritz, als der Holzboden zu vibrieren begann und die Scheiben in den Fenstern klirrten. Sein Handy klingelte. Auf dem Display leuchtete die irische Nummer vom Mittag.

Leave me alone!“ schrie Moritz in das Smartphone. „Stop! Calling! Me!“

Am anderen Ende war es still.

„Ich wollte nur sagen, dass euer Auto fertig ist“, sagt der Mechaniker nach einer Weile leise. „Hab die Wanne gleich repariert, war nur ein kleines Loch, hat keine zehn Minuten gedauert. Will ich euch schon den ganzen Tag sagen. Bin aber nie durchgekommen.“

Im Erdgeschoss nölte sich Shane McGowan durch den Refrain von The Sick Bed of Chuchulainn. Für einen kurzen Moment, für einen Augenblick zwischen den Versen und den Akkorden schien die Welt die Luft anzuhalten, als habe sie sich erschrocken.

„Und?", fragte der Mechaniker. Ist das B&B gemütlich? Fühlt Ihr Euch wohl?“