Das Match des Jahres

“Von wegen nix als Schafe – Marie und Moritz unterwegs in Irland” - Episode 2

...'Cause her hair was black and her eyes were blue
So I took her hand and I gave her a twirl
And I lost my heart to a Galway girl
-I-ay-I-ay...
 
Bei aller Liebe zu Galway, Steave Earle und seinem Girl - aber nun spielte Moritz den Song bereits zum fünften Mal. In einer Stunde! Den Refrain sang er lauthals mit. Sagen wollte er offenbar nichts. Schon gar nichts dazu, wohin die Reise jetzt führen sollte. Er saß zufrieden grinsend am Steuer und steuerte ihren Wagen über schmale kurvige Straßen mit brüchigem Asphalt. Marie wurde ungeduldig und fragte leicht genervt „Wie lange willst du mich denn noch auf die Folter spannen?“ Moritz, der seit dem Aufstehen kaum aus dem Dauer-Grins-Modus herausgekommen war,  zwinkerte ihr nur zu.
 
„Jetzt sag schon, wohin es geht!“ Marie war kurz davor, sauer zu werden. „Willst du auf die Aran Islands? Zu den Cliffs of Moher? Oder willst du mich in die Doolin-Cave schleppen?“ Sie machte eine Pause. „Du weißt doch, dass ich eine Höhlen-Phobie habe.“ Moritz strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Lippen. Und hüllte sich in Schweigen.

Marie gab auf. Schließlich war es ihre Idee gewesen, dass jeder ein paar Überraschungs-Highlights einbauen durfte. Und heute war Moritz eben dran. So gut fand sie ihre Idee jetzt nicht mehr. Aber immerhin beruhigte sie sich etwas. An der Straße ein Schild: County Clare. Sie kurbelte das Fenster herunter, streckte ihren Arm hinaus und genoss den Fahrtwind auf der Haut. Er war warm.

Loop Head, Cliffs of Moher, County Clare

Während vor zehn Minuten der Regen in Bächen an der Windschutzscheibe herunterlief, schien jetzt die Sonne. 18 Grad zeigte das Auto-Thermometer. Für irische Verhältnisse fast sommerlich warm. Marie liebte das Wetter auf der grünen Insel. Den schnellen Wechsel von Wind und Wolken, Regen und Sonne. An manchen Tagen konnte man alle vier Jahreszeiten erleben. Marie genoss den Sunny Spell, von dem man nicht wusste, wie lange sein Zauber aus blauem Himmel und goldgelben Sonnenstrahlen anhalten würde. Ihre Augen glitten über wilde Steilküsten und kleine Häfen, über Mauern aus gestapelten Steinen, Weiden mit Schafen und Rindern. In der Ferne sah sie die Ruine einer Burg – oder eines Klosters. Und noch mehr Schafe.

Hoffentlich entführte Moritz sie nicht zu weit von Galway. County Clare, das war ja noch die direkte, südliche Nachbarschaft. Sie hoffte noch immer, dem berühmten Fischreiher zu begegnen. Ob Bertie wirklich so zutraulich war, dass er sich streicheln ließ? Oder handelte es sich bei der Geschichte doch nur um eine irische Sage?

Die Landschaft wurde karger und karger. Die grünen Weiden wurden seltener, das Grau von aufgebrochenen Kalkstein-Felsen und Geröll bestimmte das Bild. Klar, das war der Burren, die leicht ansteigende, etwas unheimliche Karstlandschaft im Nordwesten des County Clare. Marie war vor Jahren schon einmal hier gewesen, hatte ein paar Tage in den kleinen romantischen Küstenorten Kinvara und Ballyvaughan verbracht. Das gleichmäßige Surren des Motors machte Marie müde. Sie schlief ein.

The Burren, County Clare

Eine halbe Stunde später rollte der Volvo durch Lisdoonvarna. Der Hauptort des Burren: eine Tankstelle, eine Kirche, eine Schule, eine Polizeistation und drum herum einige Pubs und Läden. Das wars. Ein kleiner verschlafener Ort mit etwas mehr als 800 Einwohnern. In the middle of nowhere. Normalerweise jedenfalls. Heute allerdings schmückten bunte Girlanden, Fähnchen und Lichterketten die einzige Hauptstraße. Kreuz und quer parkten Autos und Wohnwagen. Straßenmusikanten unterhielten die Menschenschlange entlang der Main Street, die offenbar zur Partymeile mutiert war.

„Nach Irland im Herbst? Dann müsst ihr unbedingt nach Lisdoonvara. Das ist ein Must im September!“ Diesen Tipp hatte Moritz vor ein paar Wochen von seinem Freund Martin bekommen, beim gemeinsamen Joggen. Der leicht übergewichtige Martin hatte ihm fünf Kilometer lang und schwer schnaufend vom Matchmaking Festival in Lisdoonvarna vorgeschwärmt, dem weltweit einzigartigen Heiratsmarkt.  Bei dem hatte Martin vor zwei Jahren einen Junggesellenabschied gefeiert und beinahe das Herz einer – rothaarigen! – Irin erobert. Für Moritz war sofort klar, dass sie sich diesen skurrilen Heiratsmarkt nicht entgehen lassen durften.

Moritz fand wie üblich einen Parkplatz, wo eigentlich gar keiner mehr frei war. Und zwar direkt vor der legendären Matchmaker-Bar. Der ideale Ort, um Marie zu wecken und ihr seine Überraschung zu präsentieren. Verschlafen reckte sie Arme und Beine. „Wo sind wir, Moritz?“ Ihr Blick fiel auf ein großes Plakat vor der Bar. „Some Matches are made in Heaven, but the best ones are made in Lisdoonvarna.“

Moritz startete den Motor und parkte aus. Zugleich beendete er sein Schweigen und erzählte Marie auf dem Weg zu ihrer Unterkunft die Geschichte von Lisdoonvarnas Heiratsmarkt. „Die haben hier Quellen gefunden, Heilquellen. Dann wurde das ein Kurbad. Auch Farmer badeten hier. Die dachten, das schweflige Wasser würde ihren kaputten Knochen guttun. In Lisdoonvarna waren sie sowieso, um Geschäfte auf dem Viehmarkt zu machen. Und die Junggesellen schauten sich hier nach Mädchen um, die hübscher waren als die von ihrem Nachbarn.“

„Donnerwetter“, dachte Marie. „Moritz hat ja doch nicht die Sprache verloren.“ Nein, das hatte er nicht. All das, was er über den Heiratsmarkt in dem kleinen Marktflecken in Erfahrung gebracht hatte, musste jetzt raus: „Weil ein Viehmarkt eben doch kein richtiger Heiratsmarkt ist, kam dann jemand auf die Idee, in der Gegend herumzufahren. Zu den Junggesellen und zu den Eltern von Mädchen im richtigen Alter. Ganz offiziell als Heiratsvermittler oder Matchmaker, wie sie hier sagen. Er sammelte die Wünsche der jungen Leute und bot ihnen dann passende Partner an. Das war wie Parship. Nur ohne Internet. Als Ein-Mann-Unternehmen. Da gab‘s noch nicht mal Telefon. Heute arbeitet Willie Daly in dritter Generation als Heiratsvermittler. Jetzt ist das hier die größte Single-Party Europas, verrückt, oder?“
 
„Ja, verrückt“, dachte Maria. „Vielleicht ist Moritz verrückt. Was will er hier? Sich eine neue Frau suchen?“ Zwei Stunden später, nachdem sie im „Wild Honey Inn“ eingecheckt hatten, liefen sie die Main Street hinunter. Die Iren gelten schon grundsätzlich als trinkfreudiges Volk, lieben ihre Pubs, Livemusik, Irish-Dance. Aber während des Matchmaking-Festivals erreicht die flirtige Bierfröhlichkeit noch einmal eine ganz andere Dimension. Etwa so, als steige man vom Kettenkarussell in die Achterbahn. „Woher kommst du hübsche Frau? Sehen wir uns später?“ Marie freute sich: „Das ist ja wie Tinder analog.“ Auf den ersten 50 Metern der Hauptstraße hatten schon zehn Männer mit ihr geflirtet. Moritz nahm sie fest an die Hand, um ein sichtbares Zeichen zu setzen.

„Stopp. Da will ich rein!“ Vor einem Wohnwagen am Straßenrand blieb Marie abrupt stehen. Über der offenen Tür klebte ein Schild: „Wahrsagerin Eleonore“. Ehe Moritz sich versah, hatte Marie 20 Euro aus der Jeanstasche gefischt und war in den Wohnwagen gehüpft. „Vielleicht kann sie uns sagen, wo Bertie ist. Und dann hätte ich noch die eine oder andere private Frage.“ Marie schenkte Moritz ein süffisantes Lächeln. Dann schloss Eleonore die Tür.

Moritz ärgerte sich kurz über so viel Unvernunft und schlenderte hinüber zur „Matchmaker Bar“. Obwohl es erst drei Uhr nachmittags war, drängelten sich die Besucher vor dem Büro des Heiratsvermittlers. Und vor allem an der Bar. Moritz gelang es nur mit dem Einsatz aller Ellenbogen, sich bis zum Tresen durchzuschlagen. Allerdings nicht ohne bei jedem Schritt von ausgelassenen und angeschickerten Girls angesprochen zu werden: „Hi Sweety, lädst du mich auf ein Bier ein? Hast du Lust zu tanzen?“

Moritz versuchte, tapfer zu bleiben. „I am married. I am not a single. I am not looking for a girl!“ Er wiederholte diese Sätze, als hätte er einen Sprung in der Platte. Aber die beschwipsten Frauen waren nur schwer zu überzeugen, von ihm abzulassen. Kurz bevor seine innere Schutzwand zu bröckeln begann, sah er Marie in der Tür. Sie steuerte auf ihn zu. Bei jedem zweiten Schritt durch die liebestolle Menge wurde sie angesprochen, von irischen – und amerikanischen – Junggesellen oder Männern, die sich als solche ausgaben. Moritz setzte wieder ein Zeichen und nahm Marie fest in den Arm.

Die formte wegen des Lärms aus ihren Händen einen Trichter und rief Moritz ins Ohr: „Bertie lebt!“ Moritz lächelte etwas gequält. „Die Wahrsagerin ist toll“, schrie Marie durch ihren Händetrichter. „Du glaubst gar nicht, was die alles über uns wusste. Und über unsere Zukunft.“ Moritz lächelte etwas gequält.

Bis zum Abend hatten sich die Gesichtszüge von Moritz wieder etwas entspannt. Immerhin stand jetzt ja auch die Traffic-Light-Party im Hydro Hotel an, wie an jedem Wochenende des vierwöchigen Matchmaking-Festivals. Moritz hatte den Ausflug nach Lisdoonvarna extra auf ein Wochenende gelegt. Am Eingang des Hotels mussten er und Marie sich Buttons aussuchen, die ihren Beziehungsstatus anzeigen sollten: grün (alleinstehend), orange (ich weiß nicht so recht, du kannst es ja mal versuchen), rot (gebunden, zwecklos). Marie klebte sich einen roten Button ins Dekolletee, Moritz auf die Brusttasche seines Hemdes.

„Oh, what a night“, dröhnte es aus den Lautsprechern. Eine Blondine schwebte lasziv über die Tanzfläche, in Netzstrümpfen, Lederrock und Glitzershirt. Auf jeder Pobacke einen orangen Button, nach dem Motto „Du darfst es gern mal versuchen“. Sie schnappte sich einen älteren Farmer in Karo-Hemd und Arbeitsstiefeln. Der konnte sein Glück kaum fassen. 

Für Marie und Moritz wurde schnell klar: Hier wird getrunken und getanzt, gefeiert und geflirtet bis die Luft brennt. Und Moritz merkte, dass die liebestollen Iren – und Amerikaner – sich auch durch einen roten Button nicht bremsen lassen, der ja eigentlich signalisieren soll: Finger weg. Als Moritz Marie nur fünf Minuten aus den Augen ließ, um zwei neue Gin Tonics zu holen, war sie schon verschwunden. Im Gedrängel dauerte es ein wenig, bevor er sie entdeckte: Ein irischer Farmer mit grünem „Single“-Button auf dem gewaltigen Bizeps stapfte über die Tanzfläche und schwang Marie um sich herum. Wie ein Schaf vor der Schur.  

Nach einer mittelschweren Eifersuchtsattacke beruhigte sich Moritz wieder.  Und konnte den Abend dann noch genießen: zwischen einsamen Herzen und liebeshungrigen – mutmaßlichen – Singles im Ausnahmezustand. Es war schon weit nach Mitternacht, als die beiden Arm in Arm das Hydro Hotel verließen. Auf wund getanzten Füßen, müde und mit Alkohol-Nachthunger humpelten sie die Main Street entlang.

Wie an allen vier Partywochenenden des Match-Making-Festivals hatten zum Glück die Foodtrucks bis zum frühen Morgen ihre Luken für die hungrige Festival-Meute geöffnet. Und natürlich weiß jeder in Irland, was der Mitternachts-Party-Meute am besten schmeckt: Irish Stew. Beladen mit einer Portion Pommes für Marie und einer riesigen Schale dampfenden Stews für sich, kehrte Moritz zurück. „Ich esse bestimmt keinen hundertjährigen verkochten Hammel“, hatte Marie bislang jedes Mal energisch verkündet und das Gesicht verzogen, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, wenn Moritz sie auf ihrer Reise überreden wollte, das irische Nationalgericht jedenfalls einmal zu probieren. Und das, obwohl Moritz ihr hundert Mal erklärt hatte, dass die Zeiten, in denen nur die alten ausgedienten Schafe im Topf landeten und so lange gekocht wurden bis sie halbwegs genießbar waren, längst vorbei waren. Seit sie die Geschichte des Arme-Leute-Essens gegoogelt hatte, war das Thema für sie durch. Aber heute Nacht – vielleicht lag es am Alkohol, vielleicht am verführerischen Duft des Stews, pickte Marie plötzlich doch etwas lustlos in ihren Pommes herum und schielte immer wieder auf Moritz’ Teller. Lachend zauberte er einen zweiten Löffel aus der Sitztasche seiner Jeans. „Willst du es vielleicht doch wagen?“ Einträchtig löffelten die beiden den leckeren Eintopf, bis sie sich todmüde auf den Heimweg machten..

Als Marie wenig später die Fenster ihres gemütlichen Zimmers für die Nacht öffnete, glaubte sie zu träumen: Gegenüber auf der Steinmauer vor der Weide saß ein großer Fischreiher und schaute ihr tief in die Augen. Oder war es doch nur ein Schaf, das auf der Mauer balancierte? Oder ein Gin Tonic zu viel?

Weitere Kaptitel

  1. Episode 1