Ein Zeitfenster ins 11. Jahrhundert

Die neue Clonmacnoise-App führt Sie 1.000 Jahre zurück in die Vergangenheit zu einem der bedeutendsten Klöster Irlands

Sightseeing ist harte Arbeit. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig– besonders wenn Sie zwischen Ruinen wandeln. Es ist schwer sich vorzustellen, wie ein Ort früher einmal ausgesehen hat. Selbst wenn man einen Reiseführer, Wissen aus dem Geschichtsunterricht und eine gute Vorstellungskraft mitbringt. Aber jetzt wurde ein Zeitreiseportal für Sie entwickelt: Einfach die App installieren und Ihr iPhone oder iPad in ein Zeitfenster verwandeln.

Sie können darin sehen, wie die Anlage vor 1.000 Jahren aussah. Wenn Sie sich drehen, bewegt sich das angezeigte Bild mit Ihnen. Echte Augmented Reality, das ist fast wie Magie: Plötzlich wird ein leeres Feld zu einem lauten Marktplatz, ein verlassenes Seeufer ist voller geschäftiger Handwerker, eine einzelne Wand wird zu einer hoch aufragenden Kathedrale.

Eine Klostersiedlung vor 1000 Jahren

Die App „Clonmacnoise" wurde von der irischen 3D-Technik-Firma RealSim Games kreiert. Sie zeigt dem Benutzer, wie die Klostersiedlung Clonmacnoise in der Grafschaft Offaly vor 1.000 Jahren aussah. Und der Ort ist nicht ein beliebiger ... der Reiseführer Lonely Planet lobt Clonmachnoise als „eine der wichtigsten historischen Klostersiedlungen Irlands. Die von einer Mauer umgebene Stätte umfasst eine Vielzahl früher Kirchen, Hochkreuze, Rundtürme und Gräber in erstaunlich gutem Zustand."

Gavin Duffy, der Geschäftsführer von RealSim Games, geht noch einen Schritt weiter: „Es ist ein immens wichtiger Ort, dessen Bedeutung für die irische und auch für die europäische Frühgeschichte oft unterschätzt wird."

Fantasiewelten

Wie kam es dazu, dass Gavin Duffy einen Ort aus vergangenen Zeiten zum Leben erweckte? Nach seinem Geophysik-Studium gründete er RealSim Games und erstellte räumlich präzise Ansichtszeichnungen von Wohnsiedlungen für Städteplaner. Um Computermodelle mit einer möglichst detailgenauen Darstellung zu erhalten, verwendete das Unternehmen eine Technologie, die für Videospiele entwickelt wurde. „Die Fantasiewelten der Spiele sind sehr komplex", erklärt Gavin. „Die Spieleprogrammierer hatten bereits eine Software entwickelt, mit der man Perspektive und Licht reproduzieren konnte – wir haben das Ganze nur auf die reale Welt angewandt."

Explore Clonmacnoise through an app

Von der Archäologie zur Realität

Und dann mischte sich das Schicksal ein: Der irische TV-Sender RTÉ produzierte eine Dokumentation über Clonmacnoise, The Secrets of the Stones (Die Geheimnisse der Steine). Dafür bat man Gavin eine Simulation der Siedlung zu erstellen. „Das war eine Herausforderung, weil nicht mehr viel von der Stadt übrig ist. Die Kirchengebäude und die Keltenkreuze sind erhalten geblieben, weil sie aus Stein sind. Aber die Häuser waren alle aus Holz. Daher mussten wir uns bei unserer Arbeit komplett auf archäologische Funde verlassen", erzählt Gavin. Das Team, zu dem ein Archäologe, ein 3D-Modell-Experte, ein Grafikdesigner und ein Programmierer gehörten, erkannte, dass es an etwas Besonderem arbeitete. Zur virtuellen Zeitmaschine und damit auch zur Weltneuheit fehlte nur noch eine einzige Zutat: die GPS-Technik. Mit ihrer Hilfe konnte das Team eine App entwickeln, die sich mit dem Benutzer bewegt und die Vergangenheit über die Gegenwart legt. „Eine Menge Sehenswürdigkeiten nutzen Computersimulationen", sagt Gavin, „aber es sind vorgerenderte Versionen in 2D. Sie reagieren nicht auf Bewegung. Das bedeutet, sie sehen nicht, was Sie sehen und wann Sie es sehen."

Die Idee hat ein riesiges Potential und Gavins Begeisterung ist ansteckend. „Stellen Sie sich vor, was wir mit einer Stadt machen könnten! Man könnte Straßen entlanglaufen und Geschäfte sehen, die vor 400 Jahren dort standen." Aber vergangene Welten werden nicht in einem Tag erschaffen. „Unsere nächste App wird das mittelalterliche Galway", berichtet Gavin. Aber wie immer liegt der Teufel im Detail: „Im Moment versuchen wir die Beschaffenheit der Türen herauszufinden. Das werden wir schon schaffen – aber es muss wirklich authentisch sein."