Sand, Muscheln, Wellen: sonst nichts.

Autor Stefan Nink empfiehlt die irischen Strände. Kümmert sich ja sonst niemand um sie.

Jetzt mal kurz die Augen schließen und – kurz an Irland denken. Zehn Sekunden lang.

Haben Sie gemacht? Und? Was ist Ihnen eingefallen? Bunt gestrichene Häuser wahrscheinlich, ein Abend im Pub, Schafe, die auf der Straße herum stehen. Steilklippen, meckernde Möwen, Regen, Wind. Stimmt's? Na also. Vielleicht ist Ihnen auch eine bestimmte Burg eingefallen, eine Whiskeyprobe oder wie knapp das war, als sie versehentlich auf der falschen Straßenseite … und in dieser Kurve … und was einem eben alles so einfällt, wenn einem Irland einfällt. Aber hat auch jemand an Strände gedacht? An Strände wie: lang, sichelförmig, menschenleer? Aha.

Irlands Strände sind die großen Unbekannten. Urlauber schwärmen von allem möglichen, wenn sie von der Insel schwärmen – Strände aber spielen dabei meist keine Rolle. Man fährt an ihnen vorbei, weil man schnell weiter nach Cork will oder nach Killarney, man sieht sie von oben oder vom anderen Ende der Halbinsel, und vielleicht hält man auch mal kurz an und läuft ein paar Schritte über den Sand. Aber so richtig „an den Strand gehen“ – das macht kaum jemand.

Dabei hat Irland Strände, die garantiert immer wieder in den Träumen spanischer (und italienischer und griechischer) Tourismusexperten auftauchen, weil Irlands Strände so unverbaut sind wie die am Mittelmeer zuletzt 1792. An Irlands Stränden werden morgens nach Sonnenaufgang auch keine 2341 Liegestühle aufgebaut, man muss keinen wummernden Kirmestechno ertragen und auch nicht den Geruch von Frittierfett aus mäßigen Imbissbuden. Irlands Strände sind Strände, wie es sie früher einmal überall gab: es gibt Sand und Muscheln und das Geräusch, das die Wellen beim Knabbern am Strand erzeugen. Sonst gibt es: nichts.

Nun gut: Manchmal gibt es auch keine Sonne, das mag für einen Besuch am Strand natürlich ein Argument sein. Aber wenn das wirklich wichtig wäre, dürfte auch niemand von den Stränden auf Sylt schwärmen, da hängen auch monatelang die Wolken drüber. Außerdem hat Sylt das gleiche Problem wie die komplette Nord- und Ostseeküste: Die Strände dort verschwinden allmählich. Irgendwann werden sie nicht mehr da sein.

Auch das ist in Irland anders. Vergangenes Jahr sind die Leute von Dooagh auf Achill Island morgens aufgewacht und hatten einen Strand vor der Haustür, wo am Abend zuvor noch keiner war. Starker Sturm, hohe Wellen, irgendwelche dubiosen Sedimentverschiebungen: Man konnte nicht genau erklären, warum der Strand plötzlich da war. Den Leuten von Dooagh war das auch völlig egal, sie haben sich bloß gefreut. Und die Touristen sind vorbei gefahren. Eigentlich wie immer.