Haben Sie kurz Zeit – für 'ne Geschichte?

Bei uns ist das ja leider, leider nicht mehr so, bei uns hat ja niemand mehr Zeit. Und wenn man noch Zeit hat, muss irgendeine WhatsApp geschrieben oder das nächste doofe Selfie hochgeladen werden. Wann haben Sie zum letzten Mal erlebt, dass der Tankwart ein paar Minuten für einen Plausch hatte? Oder die Bedienung mehr als „Das macht dann 12,80“ zu Ihnen gesagt hat, obwohl Sie der einzige Gast waren? Na also.

In Irland ist das noch anders. In Irland lieben sie das Plaudern, und noch mehr lieben sie das Geschichtenerzählen. Überall. Zu jeder Tageszeit. Die B&B-Besitzerin fabuliert schon, während sie das Frühstück serviert, der Tankwart hat nach dem Bezahlen eine kurze Episode parat, und natürlich kann einem der Fahrradverleiher in Westport die Geschichte von Grace O'Malley erzählen, Irlands berühmtester Piratin, die von der Clew Bay aus die See beherrschte und keine Gnade kannte, wenn ihr eine spanische Galeone ins Fahrwasser geriet.

Geschichten, immer neue Geschichten! Neulich war ich auf dem Wild Atlantic Way unterwegs, und anschließend hätte ich ein Buch schreiben können, so viele Geschichten habe ich gehört.

Die schönste wusste der Wirt in Ballycastle, ganz im Norden von Mayo, wo die Welt zu Ende ist oder zumindest Irland aufhört, was ja vielleicht ein und dasselbe ist. Ballycastle sieht aus, als habe die Zeit hier beschlossen, kurz mal stehen zu bleiben, den Leerlauf einzulegen und zu beobachten, wie es so weiter geht, wenn es eigentlich nicht weiter geht: zwei Reihen buckliger Häuser mit der Dorfstraße in der Mitte, Metzger, Lebensmittelladen und eine gewaltige Eiche an der Friedhofsmauer, unter der ein paar Hunde vom Stöckchenholen träumen und im Schlaf aufgeregt mit den Ohren zucken.

Aber natürlich habe man seinen Platz in der irischen Geschichte, meinte der Wirt, oh ja: Der Heilige St.Patrick habe hier nämlich ein Wunder gewirkt, dort hinten auf Downpatrick Head. Er ging zum Fenster und schaute ein Loch in Gischt und Wolken und zausende See, da, dort hinten, die hohe Klippe – da habe der große Heilige einen Blitz vom Himmel hinab fahren lassen, um einen heidnischen Clanchef zu beeindrucken. Ein Stück Felsen sei dabei abgespalten worden, bis heute ist das zu sehen. Er überlegte. Könnte natürlich auch sein, dass die andere Geschichte stimme, meinte er dann. Die offizielle. Nach der haben Wind und Wellen den Fels so lange bearbeitet, bis sich irgendwann in einer Gewitternacht des 14. Jahrhundert das äußere Ende abspaltete. Und dann haben die Dorfbewohner die Menschen aus den Häusern auf dem abgebrochenen Stück mit Seilen gerettet!

Wir schauten gemeinsam hinaus und versuchten, uns das vorzustellen, die Seile, die hangelnden Menschen, den tosenden Ozean. Und wenn es nicht despektierlich klingen würde, müsste man eigentlich sagen: So etwas wie den Downpatrick Head konnten auch nur die Iren erfinden. Und sei es nur, um später eine Geschichte darüber erzählen zu können.

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