Irische Literatur - von Iniskeen zur Raglan Road

Patrick Kavanagh: Bei uns nur noch im Antiquariat, zuhause unvergessen. Zum Glück.

Bei uns liest ja niemand mehr, beziehungsweise: Bei uns liest ja niemand mehr etwas anderes als Bücher, die „Kaiserschmarrndrama“ heißen oder „Es ist nur eine Phase, Hase“. Oder den neuen Schätzing, den mit dem tyrannischen Schmetterling. In Irland ist das zum Glück noch anders: Auf der Insel werden Schriftsteller nach wie vor verehrt, als habe es weder Kino noch Fernsehen je gegeben, von YouTube und Facebook und all dem anderen Brimborium ganz zu schweigen. Vor einigen Jahren war ich auf einer Veranstaltung in Dublin, bei der – unangekündigt – Seamus Heaney auftauchte und ein Gedicht vorlas. Einfach so. Während die Gäste aus dem Ausland erst noch googeln mussten, wer dieser Heaney denn überhaupt war, führte sein Erscheinen beim irischen Publikum zur Schnappatmung. Während der Literatur-Nobelpreisträger mit leiser Stimme sein Gedicht vorlas, konnte man vor Aufregung pumpende Herzen hören, also fast jedenfalls. Der Applaus anschließend war dann so laut wie eine startende Maschine am Dublin Airport nebenan.

Patrick Kavanagh Centre, Co. Monaghan

Der Abend ist mir neulich wieder eingefallen, als ich im Kavanagh-Zentrum in Inniskeen war (bevor jetzt wieder Google bemüht wird: Patrick Kavanagh, 1904-1967, Schriftsteller-Legende). Das kleine Museum ist in einer ehemaligen Kirche untergebracht, und von der einstigen Sakristei aus kümmert sich eine Handvoll älterer Damen und Herren ehrenamtlich um das Erbe des berühmtesten Sohnes der Gemeinde. Kaum ist man angekommen, bekommt man erzählt, wo der kleine Patrick aufgewachsen ist und wie hart das Leben damals war, und wie er später sein Glück in Dublin gesucht habe, an der Raglan Road, der arme Junge vom Land, fremd in der großen Stadt. „Er ging im Alter ein bisschen schleppend“, meinte meine Kavanagh-Führerin, die selbst im Alter ein bisschen schleppend ging. Sie konnte jedes Kavanagh-Gedicht auswendig. Während sie die Zeilen rezitierte, trat ein schimmernder Glanz in ihre Augen. Wahrscheinlich erinnerte sie sich an eine Begegnung mit dem Verfasser, damals, 1959, drüben an der alten Brücke.

Mit einem anderen Kavanagh-Kenner ging es anschließend raus ins Gelände. Beziehungsweise in jene Felder, auf denen die Kavanaghs einst malochen mussten. Wie viele Details seiner Heimat der Dichter später beschrieben habe! Dort, die Weggabelung! Die Wiesen da vorne! Und die dunklen Regenwolken und wie schnell sie näher ziehen! Nach zwei Stunden auf den Spuren Kavanaghs hätte man sich nicht gewundert, wenn er plötzlich höchstselbst zwischen den Kornähren auf den Feldweg getreten wäre, good morning, beautiful weather, isn´t it?

Die Ernüchterung folgte dann zuhause in Deutschland: Der Mann, der in seiner Heimat verehrt wird wie ein Heiliger, ist bei uns im Buchhandel nicht erhältlich. Beziehungsweise: nur im Original; übersetzt gibt es die Werke Kavanaghs bloß noch antiquarisch. Stattdessen haben wir aber Schätzing mit seinem tyrannischen Schmetterling. Und das Kaiserschmarrndrama. Ist aber vielleicht ja nur eine Phase, Hase.

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